Unübersehbar öffentlich – Corona-Virus zeigt systemrelevante Berufe und deckt herrschende Ungleichheiten auf

20.04.2020

Frauen leisten zurzeit Großartiges: An der Kasse, in der Pflege, in den Krankenhäusern und ganz sicher danach auch noch Zuhause. Alleinerziehende und Frauen mit Kindern im Homeoffice sind ebenfalls besonderen Belastungen ausgesetzt.
Die Landesregierungen haben Listen systemrelevanter Berufe erstellt. Viele schlecht bezahlte Berufe, in denen in der Mehrheit Frauen arbeiten, werden nun deutlich sichtbar, erfahrbarer und sind tatsächlich schwarz-auf weiß systemrelevant. „Beklatscht“ und rhetorisch aufgewertet werden diese Berufe auch! An der Bezahlung ist eine Aufwertung nicht zu erkennen!
Der nahezu ungeschützte Krisen-Einsatz vieler Frauen trägt zur weltweit beachteten „entspannten“ Corona-Lage in Deutschland bei. Kanzlerin Dr. Angela Merkel und viele andere Politiker sprechen öffentlich darüber und bedanken sich überschwänglich.
Die Heldinnen und Helden des Einzelhandels und der Pflege werden sogar vom Bundespräsidenten gewürdigt, doch viele von ihnen würden diese Arbeit nicht weiterempfehlen: Familienunfreundliche Arbeitszeiten, schlechte Arbeitsbedingungen, schlechte Bezahlung (Veröffentlichung Hans-Böckler-Stiftung).
Die von einigen Arbeitgebern angekündigten Einmal-Boni sind nett gemeint. Doch die Kassiererin (250 Euro), Pflegerin (1500 Euro, Azubi 900 Euro, bei Teilzeit anteilig je nach Wochenarbeitszeit) und Krankenschwester brauchen diesen Bonus nicht nur einmalig. Sie fordern zu Recht eine beständige Aufwertung ihrer systemrelevanten Tätigkeit, ihres gesamten Ausbildungsberufes und Berufsstandes.
Deborah Amazu: „Und in diesen besonderen Zeiten gehören auf jeden Fall sofort und rückwirkend eine Gefahrenzulage und vielleicht sogar zusätzlich eine Akkordzulage hinzu.“
In vielen Männerberufen ist das Zulagenwesen lange etabliert, damit kleinere Einkommen aufgewertet werden. Auch Arbeitskleidung wird oftmals gestellt. Fertigungsberufe werden viel besser tarifiert als Pflegeberufe. Das Arbeiten mit Maschinen ist einträglicher als das Arbeiten mit Menschen.
In den Kindergärten mit > 90% weiblichen Beschäftigten gibt es keine „Belastungszulage“ für den Umgang mit immerwährend erkrankenden Kindern oder für das tägliche Hantieren mit vollgemachten Windeln. Auch Arbeitskleidung wird meist nicht gestellt oder finanziert, obwohl die Kleidung ständig erhöhter Beanspruchung (Sandkasten, Matsche, Malfarben, Essensreste etc.) unterliegt.
In der Pflege müssen selbst schwergewichtige oder unbewegliche Menschen bewegt und gehoben und / oder in ihrer Hilflosigkeit unterstützt werden. Das ist tariflich ebenfalls nicht so viel Wert! Insgesamt wird „Fürsorglichkeit“ bisher nicht als Qualifikation gesehen, die ausgebildet und bezahlt werden muss. Warum etwas gut bezahlen, was Frauen kostenlos zuhause machen – Sorgearbeit für Kinder und ältere Menschen unter Zurückstellung eigener Bedarfe und eigener gesundheitlicher Rücksichtnahme.
Jetzt in der Corona-Krise, in der große Firmen versagen bzw. systemrelevante Materialien nicht produziert oder kurzfristig beschafft werden können, springen deutschlandweit wieder viele Frauen ein - wie so oft in besonderen Lagen. Und sie schlagen bisher kein Kapital aus der Krise, im Gegenteil, viele von ihnen nähen freiwillig und uneigennützig Mund-Nase-Gesichtsbedeckungen, häufig um sie für den Einsatz in Krankenhäusern und Pflegeheimen!! zu spenden und an Private zu verschenken.
Firmen, die nun in Deutschland systemrelevant umplanen und fehlendes Maskenmaterial und Schutzkleidung produzieren, erhalten stattliche Hilfsgelder. Die Frauen können das „Konjunkturpaket“ nicht nutzen!
Frauen melden sich, wenn „ehrenamtliche“ Pflegekräfte und Ärzte gesucht werden, wie z.B. für das durch die Corona-Krise reaktivierte Krankenhaus in Kredenbach. Zusätzlich zu und trotz der Gelder, die die Krankenhäuser zur Unterstützung bekommen.
(https://www.aerzteblatt.de/treffer?mode=s&wo=17&typ=1&nid=111445&s=krankenhausentlastungsgesetz)
https://www.aerzteblatt.de/politik/politik?aid=213302
https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/pressemitteilungen/2020/1-quartal/corona-gesetzespaket-im-bundesrat.html

Originell! Sparen in der Krise bei systemrelevanten Tätigkeiten, bei systemrelevantem menschlichen/weiblichen Einsatz? Hohe Gefährdung für lau, vielleicht sogar im Urlaub, ohne gute Schutzkleidung? Eingefordertes ehrenamtliches Arbeiten in einer Klinik wertet die Care- und Sorge-Berufe eher ab als auf! Den Frauen können wir nur zurufen: Nicht ohne angemessene Vergütung arbeiten! Dankesworte reichen am Ende nicht! Denkt zuerst an Euch und dann an die anderen. Denn nur wer gut geschützt ist, kann auch andere schützen. Das gilt auch in finanzieller Hinsicht. Denkt an Euch und Eure finanzielle Zukunft. Altersarmut ist Frauenarmut!
Laut Berichten von Pflegenden kommen auch in etablierten Häusern quasi „Ungelernte“, d.h. nicht gut ausgebildetes Hilfspersonal, oft mit Migrationshintergrund, zum Einsatz. Sie selbst sind hohen Risiken ausgesetzt und erschweren zudem den Fachkräften die Arbeit.
Fachkräfte werden händeringend gesucht. Sie fehlen; weil sie am Ende ihrer Kräfte sind und sich den Beruf seelisch, körperlich und finanziell nicht mehr leisten können.
In der Wirtschaftspolitik wünschen wir uns Lösungen, die auch die prekären Arbeitsverhältnisse vieler Frauen berücksichtigen.Wir als FU Siegen-Wittgenstein sehen die Wichtigkeit und die Systemrelevanz zurzeit noch schlecht bezahlter so genannter Frauenberufe und treten für eine permanent bessere Bezahlung ein. Dafür braucht es in den Tarifvertragsverhandlungen deutlich mehr Frauen auf der Arbeitgeberseite, aber auch auf der Arbeitnehmerseite. Aber vor allem braucht es ein Loslassen althergebrachter Wertvorstellungen, die die Arbeitsleistungen von Frauen angeht! Die jetzt deutlich gewordene Systemrelevanz vieler, vor allem sozialer „Frauenberufe“ muss herausgehoben werden und darf nicht mit dem Abklingen der Corona-Krise und dem Einleiten des Corona-Exits wieder in Vergessenheit geraten. Es darf nicht bei Lippenbekenntnissen bleiben. Das Sparen zu Lasten von Frauen muss hier ein Ende haben!